„Aus dem Müssen ein Wollen machen“ - 50 Jahre AWW-Suchtselbsthilfegruppe Chemnitz
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(Chemnitz) Anlässlich ihres 50-jährigen Bestehens beging die Suchtselbsthilfegruppe Chemnitz am 20. September 2026 eine stimmungsvolle Geburtstagsfeier im örtlichen Adventhaus. Sie tat das gemeinsam mit der AWW-Selbsthilfegruppe für Menschen mit Glücksspielsucht. Diese Gruppe namens „Rien ne va plus“ („Nichts geht mehr“) besteht inzwischen 30 Jahre und trifft sich zu ihren Gruppenstunden ebenfalls in Räumen des Adventhauses Chemnitz.
Beide Gruppen hatten dieses Fest als gemeinsame Feier geplant und gestalteten es mit so großer Liebe und Hingabe aus, dass zu spüren war: Diese Menschen wissen um den unschätzbaren Wert ihrer Gruppe, in der sie nicht nur selbst Halt finden, sondern auch anderen Halt geben.
Selbsthilfegruppen seien ein Schutzraum, den Menschen einander böten, sagte Gruppenteilnehmer Enrico in seiner Begrüßungsansprache. Niemand müsse stark wirken, wenn gerade die Kraft fehle, und niemand müsse seine Situation mühsam erklären, weil das Gegenüber genau wisse, wie sich dieser Weg anfühlt. „Wir teilen nicht nur Ängste, Zweifel und Rückschläge, sondern genauso Lachen, kleine Erfolge und Momente echter Zuversicht.“
Zu den Gratulanten und Gästen gehörten Vertreter der Landesstelle Sachsen des Advent-Wohlfahrtswerkes als Träger der Suchtselbsthilfearbeit, der AWW-Suchtberatungs- und Behandlungsstelle (SBB) Chemnitz, der AWW-Selbsthilfegruppen Grimma, Leipzig und Thalheim sowie der Adventgemeinde Chemnitz.
Bernd, der die von Manfred Berthold 1976 im Adventhaus Karl-Marx-Stadt gegründete „Gruppe für Hilfe suchende Alkoholkranke“ (die allererste der adventistischen Suchtkrankenhilfe im Osten Deutschlands) fast von Anfang an besuchte und sie später bis 2010 leitete, beschrieb in seiner Ansprache die Herausforderung, der Suchtkranke gegenüberstünden, als die „Kunst, aus dem Müssen ein Wollen zu machen“. Selbsthilfegruppen könnten dafür einen wesentlichen Beitrag leisten.
Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus beiden Gruppen würdigten im Rahmen dieser Jubiläumsveranstaltung in öffentlichen Bekenntnissen oder persönlichen Gesprächen die Selbsthilfearbeit: „Ich habe gelernt, mich nicht mehr belügen zu müssen“, sagte Reiner, ein inzwischen spielfreier Spieler, und fügte hinzu: „Ohne euch wäre ich verlorengegangen.“
An einem reichhaltigen Grill- und Kuchenbuffet und bei leckeren Mocktails (Cocktails ohne Alkohol) konnten sich die Besucher kulinarisch verwöhnen lassen, in den Pausen zünftiger Livemusik der Siebziger- und Achtzigerjahre miteinander ins Gespräch kommen und ihre Gruppen in Gemeinschaft feiern. Grundtenor vieler dieser Gespräche war die große Dankbarkeit für das Geschenk der eigenen Gruppe ebenso wie für die Hilfestruktur, in der diese Gruppe bestehen könne.
Die adventistische Suchtkrankenhilfe in der ehemaligen DDR ging im Wesentlichen auf Pastor Hartmut Sensenschmidt (1937–2020) zurück. Anfang der 1970er-Jahre hatte er Kontakt zur damaligen evangelischen „Arbeitsgemeinschaft zur Abwehr von Suchtgefahren“ (AGAS) aufgenommen und in der Folgezeit ein Netzwerk aufgebaut, das im Jahr 1982 mit der Gründung des Suchtgefährdetendienstes der adventistischen Kirche in der DDR einen organisatorischen Rahmen erhielt. Über die Gründung von Suchthilfe- und Suchtselbsthilfegruppen an verschiedenen Orten hinaus gab es Veranstaltungsformate für die Betroffenen, etwa den Jahrestag (heute Begegnungstag), die Besinnungswochen, Gerettetentreffen oder (später) die Einkehrtage für Sehnsüchtige. Auch die 1994 gegründete Suchtberatungs- und Behandlungsstelle in Chemnitz ist eine Frucht der adventistischen Suchtkrankenhilfe in der DDR, die nach der Wiedervereinigung in die Trägerschaft des Advent-Wohlfahrtswerkes überging.