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Kolumne - Sternstunde verpennt!?

Bild: ©Andreas Schrock

Kann man den absolut abgefahrensten Tag seines Lebens verpennen? Ja, man kann!

Völlig unerwartet hatte ich eine Besuchsgenehmigung zu Verwandten in Westberlin bekommen. Die Tage vergingen wie im Flug, der letzter Abend war gekommen. Den ganzen Tag war ich schon auf den Beinen, wollte so viele Eindrücke wie möglich speichern, ehe ich wieder zurück in die DDR musste. Durchgefroren und pflastermüde ging ich heim und fiel todmüde ins Bett. Ausgerechnet in jener Nacht ist halb Berlin auf den Beinen und stürmt die Mauer um ein unbeschreibliches Wiedersehen zu feiern. Im Brennpunkt der Weltgeschichte verschlafe ich den 9. November 1989.

Sternstunden wie jene Novembernacht sind selten. Sie lassen sich weder planen noch nachholen. Verpasst ist verpasst. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.

In einigen Geschichten, die Jesus den Menschen erzählte, ging es ebenfalls ums verpennen. Da verschliefen geladene Gäste mit der Einladungskarte in der Hand eine Hochzeit, Angestellte vergaßen einen wichtigen Termin mit dem obersten Chef und ein Hausbesitzer wurde von Einbrechern überrascht, obwohl er gewarnt war. Kann man wirklich so verpeilt sein? Kann man die Sternstunde im Leben verpennen, vielleicht gar die Wende der Weltgeschichte? Unglaublich - und doch nicht unmöglich.

Für Jesus war das Wichtigste das Reich Gottes. Das käme nicht erst in 2000 Jahren oder wäre irgendwo „da draußen“, sondern es sei schon angebrochen und „mitten unter uns“, so sagte er. Deshalb sollte man im Leben hellwach und stets bereit sein, selbst Unerwartetes zu erwarten.

Seit 30 Jahren erinnert der 9. November daran, dass Unmögliches möglich geworden ist und darum immer wieder möglich werden kann. Der 9. November erinnert allerdings auch daran, dass auch das Undenkbare grausame Wirklichkeit werden kann, wenn man die Warnsignale übersieht weil die Sinne vernebelt sind. In der sogenannten Reichsprogromnacht 1938 wurden Mauern in den Köpfen zum tödlichen Wahnsinn.

„Einmal werden wir sein wie die Träumenden“ heißt es in einem alten Text der Bibel (Psalm 14,7). Dann werden alle Mauern eingerissen, alle Gräben zugeschüttet sein und alle Feindschaft zwischen Menschen und Völkern wird ein Ende haben. Wer davon träumt ist jedoch kein Träumer, sondern muss hellwach und bereit sein, Mauern im eigenen Kopf und Herzen abzubrechen, Trennendes zwischen Menschen aufzugeben und Versöhnung zu stiften. Davon zu träumen ist keine Utopie, sondern es ist schon Wirklichkeit geworden. Deshalb konnte Paulus an die Gemeinde in Ephesus schreiben: „Jesus Christus hat die Mauer niedergerissen, die trennend dazwischen stand. Wir sind nun sein Volk und leben durch Christus nicht länger voneinander getrennt, sondern können als Versöhnte miteinander leben“ (nach Eph.2,14-16). Sternstunden sind immer dann, wenn Menschen sich miteinander versöhnen und etwas Neues beginnen. Warum nicht heute damit beginnen?